Kirchensteuer Faktencheck

„Die Wahrheit wird euch befreien“ Joh 8,32.

 

Nahezu jede Diskussion im Pfarrei-Entwicklungs-Prozess (PEP) über die Finanzen des Bistums Essen mündet früher oder später in eine Kontroverse. Sinken die Einnahmen aus der Kirchen­steuer? Oder stagnieren sie bestenfalls? Oder steigen sie vielleicht am Ende doch? Und wenn sie steigen, wird die Zunahme durch die Preissteigerung wieder aufgezehrt? Oder bleibt unter dem Strich doch etwas übrig?

Diese Frage ist für den PEP sehr bedeutsam. Die „sinkende Tendenz“ wird vom Bistum zum Anlass genommen, seine Zuweisungen an die Pfarreien zu deckeln und ab 2020 sogar sinken zu lassen.

Lesen Sie hier, wie die wirklichen Tatsachen aussehen.

Kirchensteuer

Das Bistum Essen veröffentlicht seit 2011 seine netto Einnahmen aus der Kirchensteuer in seinen offiziellen Jahresabschlüssen. Auf dieser Quelle basieren die folgenden Darstellungen.

Am 01.01.2002 wurde der Euro eingeführt. Im Jahr 2002 waren die Einnahmen aus der Kirchen­steuer mit 155 Mio auf dem sehr hohem Niveau der Vorjahre. Sie gingen jedoch bis 2005 extrem steil auf den absoluten Tiefstand von 102 Mio zurück. Für das Bistum Essen war das eine trauma­tische Erfahrung. Um die Zahlungsfähigkeit zu sichern, war man erstmals in seiner Geschichte gezwungen, Bankdarlehen aufzunehmen.
Seit 2006 setzte jedoch wieder eine Erholung ein. Von 120 Mio ging es zunächst aufwärts auf 166 Mio Euro in 2010. In 2011 gab es noch einen bisher letzten Einbruch auf 143 Mio und dann ging es bis 2014 wieder aufwärts, wobei bis 2016 auf hohem Niveau eine Stabilisierung bei 169 Mio Euro eintrat.

Hier der tatsächliche Verlauf:


Quelle: Jahresabschlüsse des Bistums Essen

Wir sprechen hier übrigens immer über die sog. netto Kirchensteuer. Das ist der Betrag, der wirklich im Bistum verbleibt. Der Bruttobetrag wird vom Finanzamt überwiesen, aber er verringert sich um aufwändig zu berechnende Clearingbeträge, die Essen an seine Nachbarbistümer erstatten muss, weil der Wohnsitz des Arbeitnehmers bestimmt, welches Bistum die Kirchensteuer erhält und nicht der Sitz des Arbeitgebers. Bis zu vier Jahre kann das Clearing dauern, bevor das Bistum wirklich den Nettobetrag kennt. Aber es hat natürlich seine Erfahrungswerte.

Interpretation

Wir wollen aus dieser Grafik zwei nahezu völlig gegenteilige Aussagen ableiten und benötigen dazu auch die Preissteigerungsraten, welche wir uns von Finanzen-Rechner.net holen können.

Die erste Aussage über den gesamten dargestellten Zeitraum lautet:

  • Von 2002 bis 2016 nahmen die Einnahmen um 14 Mio Euro von 155 Mio auf 169 Mio Euro zu. Das sind etwa 9%. In derselben Zeit betrug der Preisanstieg jedoch 22,3%, so dass inflationsbereinigt die Kirchensteuer von 2002 bis 2016 sogar gefallen ist.

Es ist jedoch die Frage, ob für eine aktuelle Trendaussage ein Zeitraum von 15 Jahren wirklich angemessen ist oder hier nicht die letzten 10 Jahre für derartige Betrachtungen vorzuziehen sind, wie es im privaten Wirtschaftsleben eigentlich auch eher gemacht wird. Dann aber kehrt sich interessanterweise das Bild fast völlig in sein Gegenteil um.

  • Von 2006 bis 2016 nahmen die Einnahmen um 49 Mio Euro von 120 Mio auf 169 Mio zu. Das sind über 40%. In derselben Zeit betrug der Preisanstieg 15,6%, so dass selbst inflationsbereinigt die Kirchensteuer von 2006 bis 2016 deutlich gestiegen ist.

Merke

Es bleibt uns selbst überlassen, welchen Zeitraum wir zum Vergleich betrachten. Wenn wir die 10 Jahre von 2006 bis 2016 ansehen, so gab es bei Preissteigerungen von 15,6% eine Zunahme der Kirchensteuer um 40% von 120 Mio auf 169 Mio Euro. Unabhängig von dem gewählten Zeitraum ist jedoch eine Erscheinung von sinkender Kirchensteuer wohl nicht auszumachen.

Wo bleibt die Kirchensteuer?

Abgesehen davon, dass das Bistum die Kirchensteuer verwendet, um seine Pfarreien zu finanzieren, sein eigenes Personal zu bezahlen und seine sämtlichen Einrichtungen zu unterhalten, stärkt es in den letzten fünf Jahren – frühere Zahlen liegen leider nicht vor – seine Bilanzposition ganz deutlich.

Es kann sein Eigenkapital von 111 Mio um 80 Mio auf 191 Mio Euro steigern. Seine Rückstellungen erreichen nach einem kurzen Absinken wieder 80 Mio Euro, während seine Verbindlichkeiten konstant auf dem Rückzug sind und nur noch 12 Mio Euro ausmachen.

 


Quelle: Jahresabschlüsse des Bistums Essen

Es ist also durchaus nicht der Fall, dass – wie stellenweise im PEP behauptet wird – das Bistum insgesamt von schwindenden Rücklagen betroffen ist.

Wie man sich arm rechnet

In der Diskussion wird gerne mit Zahlen argumentiert, die „inflationsbereinigt“ sind. Dabei wendet man die Bereinigung allerdings oft nur auf die Einnahme­seite, an und rechnet sich somit künstlich „arm“. Das ist nicht in Ordnung, wenn man nicht auch die Ausgabenseite bereinigt.

Beispiel: Sie haben in 2015 Einnahmen und Ausgaben von 1 Million. Sie haben keinen Fehlbetrag. Bis 2020 wachsen die Einnahmen auf 1,2 Millionen, die Preissteigerung beträgt 20% und die Ausgaben betragen auch 1,2 Millionen. Wenn Sie dann sagen, die Einnahmen wären ja inflationsbereinigt bei 1 Millionen verblieben und Sie hätten nun einen Fehlbetrag von 200.000, dann stimmt das nicht. Sie haben auch 2020 keinen Fehlbetrag!

Sonst konstruiert man große Deckungslücken, die bei korrekter Betrachtung in Wahrheit gar nicht da sind.

Weitere Fragen

Sie haben weitere Fragen oder eine andere Interpretation der Zahlen? Dann schreiben Sie bitte einen Kommentar.

Eine Antwort auf „Kirchensteuer Faktencheck“

  1. Sehr geehrter Herr Kauker,
    vielen Dank für diesen ausführlichen Faktencheck rund um das Thema Kirchensteuern im Bistum Essen. Sie haben mit viel Akribie wichtige Punkte zu diesem Themenfeld zusammengetragen. Mir ist bei der Lektüre dieses Faktenchecks aufgefallen, dass ihr Zahlenmaterial im Jahr 2016 endet. Gerne möchte ich an dieser Stelle ergänzen, dass die Zahlen für das Jahr 2017 seit November letzten Jahres öffentlich auf der Webseite https://finanzen.bistum-essen.de einsehbar sind und auch im dort veröffentlichten Finanzbericht ausgewiesen sind.

    Dieser Finanzbericht enthält auch erstmals ein ausführlicher Perspektivteil. (Im Internet unter: https://bistum.ruhr/perspektivefinanzen2019)

    In diesem wird deutlich, dass sich die katholische Kirche, mit Blick auf die demografischen Entwicklungen, vor allem auf den Renteneintritt der „Babyboomer“-Generation und den damit verbundenen Steuerausfällen einstellen muss. Eine sehr aussagekräftige Grafik dazu finden sie hier: https://bistum.ruhr/rentenbabyboomer

    Natürlich wird diese Generation nicht gleichzeitig in Rente gehen. Schwerpunktmäßig wird dies zwischen Anfang der 2020er und Anfang der 2030er Jahre der Fall sein. Doch aufgrund ihrer großen Anzahl werden sie in der künftigen Kirchensteuerentwicklung eine Lücke hinterlassen, die weder durch die nachrückenden Katholikengenerationen noch durch die Einführung der nachgelagerten Besteuerung von Renteneinkünften geschlossen werden kann.

    Neben der zahlenmäßigen Entwicklung der kirchensteuerpflichtigen Katholiken insgesamt ist für die Kirchensteuer auch die Höhe ihres jeweiligen Einkommens von Bedeutung, da sich hieran die individuelle Zahlung bemisst. Neben der in den vergangenen Jahren vor allem aufgrund der guten Konjunktur gestiegenen Erwerbstätigenquote ist dies die wesentliche Erklärung für die bislang insgesamt relativ stabile Entwicklung der Kirchensteuereinnahmen: Die individuellen Einkommens- und damit Kirchensteuerzuwächse kompensieren derzeit noch den kontinuierlichen Rückgang der Mitgliederzahl im Bistum Essen.

    Verstärkt wird dieser Effekt durch das seit Jahren hohe Niveau an Kirchenaustritten, insbesondere von jungen, in das Berufsleben eintretenden Katholiken im Alter zwischen 20 und 35 Jahren. Eine Grafik die dies deutlich macht finden Sie hier: https://bistum.ruhr/austrittsqouten

    nsgesamt kann man festhalten, dass die Erträge mittelfristig voraussichtlich spürbar zurückgehen und die Ausgaben ohne entsprechende Gegenmaßnahmen kontinuierlich steigen werden: Die aktuell noch relativ gute finanzielle Situation darf uns nicht dazu verleiten, die Augen vor den immensen künftigen Herausforderungen zu verschließen. Hier geht es vor allem um die demografischen, religionskulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungen und die daraus folgenden Konsequenzen für die kirchliche Arbeit.

    Bei Rückfragen stehe ich Ihnen sehr gerne zur Verfügung.

    Mit freundlichen Grüßen
    Ulrich Lota

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.