Keine Volkskirche mehr

Die Zeit der Volkskirche ist vorbei, sagen uns berühmte Theologen. Und seit langem sagen uns unsere Bischöfe – und unsere Pfarrer sprechen es ihnen nach – „Wir sind keine Volkskirche mehr“. In meinen Ohren klingt es fast wie der Vorwurf: „Ihr seid ja keine Volkskirche mehr“. Mit dem unausgesprochenen Nachsatz: also beschwert euch nicht, wenn wir angesichts fehlender Priester und steigender Kirchenaustritte schmerzhafte Maßnahmen vorsehen müssen.

Fragen wir uns einmal: Was ist denn eigentlich eine Volkskirche? Wer weiß denn das?

Ekklesiologie

In den theologischen Fakultäten unserer Universitäten gibt es häufig ein Institut für Ekklesiologie. Sie gilt als Teilgebiet der Dogmatik und ist die Lehre von der Gemeinde. Die Ekklesia (wörtlich: die Herausgerufene) bezeichnet die von Jesus berufene christliche Gemeinde, das Volk Gottes, wenn man so will. Im Gegensatz dazu betont der Begriff Kirche (griechisch: Kyriakon = Gotteshaus) eher den Versammlungsraum.

Um das rechte Kirchenverständnis ringt nicht nur die katholische Konfession, sondern auch die protestantischen, anglikanischen, orthodoxen und so ziemlich alle freikirchlichen Richtungen. Eines ihrer Grundprobleme ist das Verhältnis zum Staat und zur individuellen Religionsfreiheit. Und auch die Notwendigkeit der Finanzierung spielt eine gewisse Rolle. Soll man sich eigentlich gegenseitig anerkennen oder nicht? Wenigstens die Taufe? Was ist mit dem Empfang der Eucharistie? Mischehen? Was ist, wenn ein Priester aus der einen in eine andere Konfession übertritt; kann er dann dort weiter Priester sein?

Die Ekklesiologie wird von vielen als das eigentliche Hindernis auf dem Wege zur Ökumene angesehen. Allerdings soll uns das hier nicht weiter beschäftigen.

Drei Typen von Kirche

In der Ekklesiologie wird unter soziologischen Gesichtspunkten nach Peter Neuner über drei Typen von Kirchen gesprochen:

  • Freikirche
  • Staatskirche
  • Volkskirche

Einige von Neuners Charakteristiken will ich hier kurz vorstellen, aber in einigen Details abgewandelt. Quelle: siehe unten.

Freikirche

Unter einer Freikirche  verstehen wir eine Gemeinschaft, die auf sehr große Distanz zum Staat geht und auch intern keine hierarchische, zentral ausgerichtete Organisation betont. Sie beruht in der Regel auf im Erwachsenenalter getroffener, freiwilliger Entscheidung zur Mitgliedschaft.

Freikirchen sind in Deutschland häufig als eingetragene Vereine organisiert und lehnen die Finanzierung durch Kirchensteuer ab.

Die Gemeinde versteht sich als kleine Herde mit sehr großem Zusammenhalt. Alle Spenden sind freiwillig, wenn es auch gelegentlich Umlagen gibt. Häufig sind Freikirchen als wohlhabend anzusehen, weil sie sehr engagierte und sehr opferbereite und wohl auch gut gestellte Mitglieder haben. Wer sich zu einer Freikirche zählt, ist dies durchweg „mit Haut und Haar“. Eine gewisse Distanz ist so gut wie unmöglich. Der Gottesdienstbesuch liegt oft bei 50% und darüber.

Nächstenliebe und wohltätige Werke sind in der Regel nach innen gerichtet. Einrichtungen und Angebote für die Allgemeinheit sind eher die Ausnahme.

Wenn man auf die Verhältnisse in den USA blickt, so zeigt die dortige Katholische Kirche ebenfalls viele freikirchliche Züge.

Staatskirche

Demgegenüber ist die Staatskirche das komplette Gegenmodell. Die Kirche erscheint fast als das Organ eines Staates, der häufig eine Monarchie ist oder war, wobei der Monarch als das Kirchenoberhaupt gilt. Alle Beschäftigten der Kirche werden vom Staat besoldet, der auch alle Gebäude unterhält.

Man gehört der Staatskirche automatisch durch Geburt an. Ob man sofort oder später getauft wird, ist Nebensache. Jedoch kann man seinen förmlichen Austritt erklären. Dadurch entgeht man aber nicht der Mitfinanzierung der kirchlichen Aufgaben durch seine Steuern. Glaube und persönliche Entscheidung spielen eigentlich keine Rolle. Zum Gottesdienst gehen nur sehr wenige.

Die Kirchen übernehmen eine Reihe von staatlichen Aufgaben im Meldewesen, Bildung, Wohlfahrt, und diese Dienste werden natürlich jedem gewährt, nicht nur denen, die in der eigentlichen Kerngemeinde aktiv sind.

Volkskirche

Zwischen Staatskirche und Freikirche ist die Volkskirche anzusiedeln. Man gehört zu ihr durch die Taufe, die häufig als Kind empfangen wird, aber auch später ohne Weiteres gebräuchlich ist. Nicht jeder setzt die Taufe allerdings später in seinem Leben um. Die Volkskirche setzt  zwar den Glauben im Prinzip voraus, ist aber „großzügig“ in der konkreten Art und Weise, wie das überprüft wird.

Ein Großteil der Mitglieder der Volkskirche denkt an seine Kirche nur an den hohen Festen und an den Ereignissen zu den Lebenswenden. Die  Volkskirche besitzt ein hohes Maß an Liberalität, man könnte auch sagen „Schlampigkeit“, die einer Freikirche fremd wären. Der Gottesdienstbesuch ist zwar ständig rückläufig,  aber viele sagen auf Befragen, dass sie auch ohne ihn christliche Werte leben können und auch „im Wald und in der Natur“ die Gegenwart Gottes erleben könnten.

Die Volkskirche übernimmt viele Aufgaben, die nicht nur ihren aktiven Mitgliedern zugute kommen, sondern auch denen, die nicht zur „Sonntagsgemeinde“ zählen, und sogar überhaupt zur Kirche gehören. Volkskirche ist offen und bietet allen, die sie brauchen, ihre Dienste an.

Zur Abdeckung der Personal-, Sach- und Baukosten gab es früher eine Reihe von Gebühren für Handlungen, bei denen der Priester eine Stola trägt (Stolgebühren) sowie Messstipendien und Jahrzeitstiftungen. Diese sind jedoch kaum noch nennenswert. Der damit verwandte frühere Ablasshandel schreckt noch immer ab. Aber dieser Vergleich ist natürlich weit hergeholt. Innerhalb des volkskirchlichen Modells hat sich die Kirchensteuer als bewährte und effektive Praxis herausgestellt. Durch sie werden nämlich alle in die Pflicht genommen, die sich, aus welcher Distanz auch immer, zur Kirche zählen wollen und ihre Dienste selbstverständlich so in Anspruch nehmen wollen, wann immer und wie sie es als richtig erachten. Dabei werden sie nach ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit herangezogen, nicht nach ihrer Nähe zur Kerngemeinde. Der Pfarrer muss nicht drohen oder schmeicheln, wenn Geld benötigt wird, und muss keine wertvolle Zeit für Fund-Raising opfern. Außerdem ist die Kirche nicht abhängig von Großspendern, die sich eine Vorzugsbehandlung „erkaufen“.

Dieses System hat natürlich auch Schwächen und Mängel, vor allem die Glaubwürdigkeit im Hinblick auf materielle Fragen. Eine arme Kirche kann weniger tun. Wie arm ist dann das rechte Maß? Das Kirchensteuersystem hat aber insgesamt weniger Schwächen als viele seiner Alternativen.

FAZIT

Also nun: alles in Ordnung? – Die Strukturen und Voraussetzungen für eine Volkskirche sind in der kath. Kirche ohne weiteres noch vorhanden. Aber sie  hat ein Problem: kein Volk mehr. Genauer: immer weniger Volk. Noch genauer: kein junges Volk. Eine halbe Generation geht nicht mehr in die Kirche (oder so sieht es aus), weil sie (die Kirche) deren Kernfragen missachtet hat. Und die Kirche schafft es nicht zu vermitteln, dass sie überhaupt einen Plan verfolgt. Das Ergebnis ist nicht überraschend, in seiner Radikalität aber neu. So etwas gab es noch nie. Man müsste jetzt lernen, aber sehr schnell.

Was man nun am Ende genau unter „Volkskirche“ versteht und was nicht, mag sicherlich Ergebnis einer intensiven Diskussion und einer breiten individuellen Wahrnehmung sein. Der eine sieht in der aktuellen Situation der Katholischen Kirche nur Defizite, wohin man nur schaut: die Eltern können die Jugend nicht mehr zum Kirchenbesuch motivieren (wer motiviert die Eltern?), die Kinder kennen Vater-unser und Glaubensbekenntnis nicht, zur Beichte geht eh niemand mehr und so weiter. Der andere sieht viel Engagement und den Willen, Kirche weiterhin einladend und lebendig zu halten.

Was also müssen wir tun, damit sich die Stimmung wieder zum Besseren wendet? – Vielleicht genau aufeinander hören und vom Rand ins Zentrum blicken, um zu erkennen, wie es um das Zentrum bestellt ist.

QUELLE: Peter Neuner, Thesen zum Problem der Kirchensteuer aus dogmatisch-ekklesiologischer Sicht, in: Kirchensteuer. Notwendigkeit und Problematik, Friedrich Fahr (Hg.), Regensburg (Pustet) 1996, S. 143-150.

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