Ihr macht uns die Kirche kaputt …

… doch wir lassen das nicht zu!

Dieses Buch wird Sie elektrisieren!

Obwohl unsere-kirche-2030 eigentlich keine „großen“ kirchlichen Themen in den Mittelpunkt stellen will, sondern sich auf sein eigentlich „kleines“ Thema beschränken will, muss für dieses Buch einfach eine Ausnahme gemacht werden. Nach Meinung des Rezensenten ist es nicht nur ein großartiges Buch, sondern ein wahrhaft „großes“, welches durchaus neben Hans Küng „Unfehlbar? Eine Anfrage“ stehen kann. – Was ist nur mit unserer Kirche los? Seit 50 Jahren sind wir permanent in der Krise.

In dem schmalen Bändchen weist der Autor auf überzeugende Weise nach, dass die Krise der (katholischen) Kirche nicht vom Himmel gefallen, sondern durch und durch hausgemacht ist. Wer langweilige theologische Argumente mit vielen Zitaten erwartet, wird begeistert sein, wie klar und lebendig man dieses Problemfeld behandeln kann.

Buch Ihr macht uns die Kirche kaputt
…doch wir lassen das nicht zu!

von Daniel Bogner
Prof. für Moraltheologie und Ethik
Université de Fribourg/CH

Verlag Herder, Freiburg i. Breisgau 2019
ISBN: 978-3-451-39030-2
160 Seiten. 16 € (DE).

Ihr habt nichts zu sagen

Für den Menschen da sein – das taugt nur für Predigten.

Seit fast 500 Jahren tritt die Kirche auf der Stelle, während der Staat bedeutende Fortschritte gemacht hat. Freiheit, Menschenrechte und Gewaltenteilung wurden entdeckt, während unsere Bischöfe nach wie vor gesetzgeberische, ausführende und Recht sprechende Gewalt in einer Hand vereinen.
Das Kirchenrecht, ehemals leuchtendes Vorbild für staatliches Recht, ist rückständig und zementiert reformunfähige absolutistische Strukturen. Das Zweite Vatikanische Konzil, das so viele Wendungen zur Moderne angestoßen hat, hat in dieser Hinsicht leider nichts verändert.

Bischöfe können Fehlverhalten im Umgang mit Sexualstraftätern einräumen, müssen aber bis heute keine Rücktrittsforderungen fürchten.

Die Argumente, mit denen der Autor einfallsreich für eine demokratische Kirche plädiert, sind gut durchdacht. So auch ein Gedankenexperiment, mit dem wir Leser uns vorstellen sollen, der Staat würde uns so behandeln wie die Kirche es tut.

For men only

Das zweite große Thema des Buches ist nach Meinung des Autors der Umstand, dass für Menschen, denen nach der Bibel die gleiche Würde zukommt, in ihrer Kirche vollkommen unterschiedliche Zugangswege zu Diensten und Ämtern haben aufgrund eines Merkmals, das sie in Intelligenz, Talent und Klugkeit gar nicht unterscheidet, nämlich ihrem Geschlecht.

Die Kirche stelle den Frauen folgende Falle: Ihre Arbeit und ihr Frausein sei ja von unschätzbarem Wert für die Kirche, die ja auch mütterlich sei. Sie sollten sich doch wahrhaftig nicht einengen lassen und ein vermeintlich wichtiges Amt fordern, wo es doch so viele andere wertvolle, dienende Betätigungsfelder gäbe. Und die Bischöfe ihre eigenen Mütter doch auch so in Ehren hielten.

Handeln und Umgang mit Kritik

Der Autor fordert eine Kirche, die lernt und die endlich handelt. Und die mit Kritik vernünftig umgeht. Viele setzen ihre Hoffnung auf den Papst. Das befremdet den Autor. Das sollte man nicht tun. Der starke Mann an der Spitze soll es richten? Das ist doch immer noch absolutistisch. Was ist, wenn der scheitert oder es sich doch anders überlegt?

Verantwortung zu übernehmen, erwartet der Autor, statt in Betroffenheit zu erstarren. Nicht mit zweierlei Maß zu messen. Die Leitungsebene nicht von der Alltagsebene entkoppeln.

Hoffnung

Der Titel des Buches „Ihr macht uns die Kirche kaputt“ meint die Bischöfe mit ihrer Machtfülle und entstammt aus einer Talkskow im Fernsehen. Der Untertitel allerdings „… doch wir lassen das nicht zu“ kommt erst auf der letzten Seite des Buches wieder vor. Mehr allgemeine Hoffnung spricht aus ihm als konkrete Erwartung. Gläubige sollten und werden es nicht akzeptieren, dass ihnen die Kirche durch Abwarten der Amtsträger und die Beharrungskräfte der Tradition kaputt gemacht wird. Ich kann nicht alleine glauben; ich brauche die anderen und den Resonanzraum der Gemeinschaft.

Der Autor verzichtet weise in dieser kleinen Schrift, die sich durchaus als Streitschrift versteht, auf vorsçhnelle Lösungsvorschläge. Er weiß genau, dass komplexe Fragen keine einfachen Antworten haben und will gerne die gesamte Theologie mit ins Boot holen.

Nur zu der seit 2018 existierenden, viel beachteten Mission Manifest Initiative geht er etwas auf Distanz, weil sich diese eine zu einfache Lösung vorstellt, sagt er. Ja, mag sein. Die will halt nicht warten bis die Bischöfe und Theologen sich bewegen. Hier etwas Hintergrund, das Buch, Kritik und Kritik der Kritik der Kritik. Dieses Klein-klein finde ich persönlich schade. Wer sich die Hände schmutzig machen will, um den Karren „aus dem Dreck“ zu ziehen, sollte erst einmal einen Vertrauensbonus genießen und nicht gleich als „Sekte“ verdächtigt werden. Über die richtigen theologischen Fundamente kann man sich doch früh genug noch einigen, meine ich.

Immerhin sieht Bogner der drohenden Tatsache, dass die Kirche „vor die Wand“ fahren könnte, durchaus mutig ins Auge. Ihm ist auch die Weltkirche wichtig und Spaltung wäre das Letzte, das er wollte, aber er mahnt gleichzeitig die Bischöfe, dass man in Afrika oder am Amazonas durchaus weiter sein könnte als vermutet.

In acht spannenden Kapiteln, von denen wir hier nur einige antippen konnten, spürt Bogner die „toxische“ Gestalt der Kirche auf und macht klar, dass die Kirchenmitglieder das nicht weiter akzeptieren. Er liefert Anstöße, wie die Kirche verlorenes Vertrauen wiedergewinnen und den Anschluss an die Moderne schaffen kann, ohne sich selbst zu verraten. Wer die Kirche verändern will, müsste sie eigentlich aus den Angeln heben, so Bogner. Provokant und präzise bringt Bogner auf den Punkt, wovor die Kirche nicht ausweichen darf. Das ist keines der üblichen Kirchenkritik-Bücher.

Der Autor sieht mit einer gewissen Spannung dem jetzt anstehenden „synodalen Weg“ entgegen, auf dem die deutschen Bischöfe jetzt aber „wirklich“ mit den Laien (unter anderem mit dem ZdK) und insbesondere mit den Frauen reden wollen. In der Tat: wer tut dies nicht?

Mehr Info

Daniel Bogner, Dr. theol., geb. 1972, Studium der Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft. Seit 2014 Professor für Moraltheologie in Fribourg/CH, daneben Vortragstätigkeit und Redaktions­mitglied des erfolgreichen Debattenportals feinschwarz.net. Er lebt in Münster, ist verheiratet und Vater dreier Kinder.

Ankündigung des Buches auf der Webseite der Universität

Hier finden Sie auch weitere Besprechungen und ein 25 minütiges Interview mit dem Autor in der Mediathek von WDR 5 (bis Juli 2020).

Webseite zum Buch beim Herder Verlag

Hier finden Sie auch eine Leseprobe mit Inhaltsverzeichnis und dem gesamten ersten Kapitel. Es lohnt sich!

Wenn Sie gern weitere fein geschliffene Analysen zu Kirche und Gesellschaft lesen: Theologisches Feuilleton feinschwarz.net.

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