Geht wirklich nur noch extrem?

Von: Martin Schersching

In diesen Tagen beobachte ich die Ent­wicklung in Sachen Brexit im Vereinigten Königreich, die Einleitung eines Amts­enthebungs­verfahrens in den Vereinigten Staaten, die Diskussion um SUV und Klima­schutz und viele andere gesell­schaftliche Probleme mit grosser Sorge. Auch in unserer Kirche verschärft sich der Ton zusehends.

So habe ich mit großem Interesse das Interview mit unserem Generalvikar Klaus Pfeffer in der WAZ vom 21.09.2019 und den Finanzbericht 2018 des Bistums Essen gelesen. Aber was ist es, das mich in Sorge treibt? Vieles von dem, was GV Pfeffer sagt, ist doch ok. Oder vielleicht doch nicht?

Im Fazit des Jahres­berichtes heisst es:

„… die derzeit noch relativ entspannte finanzielle Lage kann uns helfen, die Übergangsphase dieses Strukturwandels gut zu gestalten und zu begleiten.“

Hört sich doch super an… Oder, gibt es vielleicht doch noch einen Haken? Jesus hat gesagt: „Liebet einander, so wie Euch der Herr geliebt hat“. Davon sind wir der­zeit weiter als jemals entfernt.

Um auf die Weltbühne zurückzukehren, stelle ich fest: Im britischen Unterhaus regiert in noch nie dagewesener Weise ein unbeschreiblicher Hass und sehr hohes Misstrauen. In den Vereinigten Staaten kommt es regelrecht zu Schlamm­schlachten zwischen den beiden grossen Parteien. In Hongkong gehen die Men­schen für ihre Rechte auf die Strasse und werden ganz offen bedroht. Dazu die Herren Orban, Erdoğan, Kim, Putin usw. In Deutschland treten Reichsbürger und Holocaustleugner auf. Und nicht zu ver­gessen der Terror der radi­kalen Extre­misten.

Und unsere Kirche?

Sie ist mit sich selbst beschäftigt. Da „kämpfen“ Papst gegen Kurie, Bischöfe gegen Bischöfe, Gemeindemitglieder gegen Gemeindemitglieder. Ratlose Männer gegen engagierte Frauen. Da gibt es doch den synodalen Weg? Oder? Was steckt dahinter? Wissen die Menschen das überhaupt?

Es gibt eine Erklärung der deutschen Bischöfe vom 27.09.2018 in Fulda. Diese beschäftigt sich mit Fragen zur zölibatären Lebensform der Priester und der katholischen Sexualmoral. Dahinter stehen auch viele Fragen, welche die Menschen in der täglichen Praxis bedrängen, z. B. können geschiedene Katholiken gültig ein weiteres Mal heiraten, dürfen homosexuelle Paare Kinder adoptieren und erziehen?

Die Menschen vor Ort aber sind doch schon ein ganzes Stück weiter.

Die Treuen enttäuschen

Nun setzt das Bistum bei denen, die es am wenigsten verdienen, den Rotstift an und die Menschen, teilweise die Treuesten der Treuen, drehen sich enttäuscht ab. Obwohl sie keine schlüssige Erklärung bekommen, sollen sie ihre Kirche abgeben. – Was also tun?

Als ich in der Schule die Kunst einer Kurz­interpretation erlernte fragte man mich: „Was will uns der Verfasser damit sagen?“

Nun: Der verstorbene Bundespräsident und ehemalige Ministerpräsident unseres Landes Johannes Rau hat einmal gesagt: Versöhnen statt Spalten…

Willy Brandt hat gesagt: Wir wollen mehr Demokratie wagen. Und auch: jetzt muss zusammenwachsen, was zusammen gehört.

Helmut Kohl ist der Kanzler der Einheit.

Angela Merkel hat 2015 Menschen in Not und auf der Flucht eine neue Heimat gegeben.

Damit aber zur Weltpolitik kein weiteres Wort außer diesem: Wir müssen unsere Demokratien gegen Gegner von links und rechts schützen! Die Demokraten dieser Welt müssen zusammenstehen! Und die Kirche sollte auf ihrer Seite sein.

Wo steht die Kirche?

Und die Kirche? – Wo steht sie denn? – Sie muss auch zu weltpolitischen Themen Stellung beziehen! Abholzung des Regen­waldes, Verschwendung fossiler Brenn­stoffe, Endlagerung atomarer Abfälle, Meeres­verschmutzung, Bürger­kriege in Syrien, Venezuela, Zentral­afrika etc.

Sie darf nicht, wie Herr Pfeffer es tut, die Hauptverantwortung in Rom suchen.
Noch ist die katholische Kirche eine Weltkirche. Aber die Probleme in Afrika, Papua-Neuguinea, Amerika und Asien sind andere, als in Deutschland und in Europa.

Es wird doch wohl niemand ernsthaft darüber nachdenken, das Evangelium um­zuschreiben, das ja nun mal die Grund­lage unseres Glaubens ist. Ganz im Gegen­teil: Jeder Staat, jedes Land, jede Kommu­ne, jedes Gesetz bedarf irgend­wann einer Reform. Und das ist in unserer Kirche jahrelang nicht gemacht worden. Und es kann nicht sein, dass die Christen vor Ort die Rechnung bezahlen.

Wo sind die ausgleichenden Kräfte? Wo ist die Mitte? Wo bleibt die Mission in den Gemeinden?

Wünsche an die Bischöfe

  1. Einigt Euch auf eine gemeinsame Linie! Am besten auf eine Europäische!
  2. Es geht nicht um die Frage, ob Jesus Wasser in Wein verwandelt hat, sondern um Fragen zur Stellung der Frau in der Kirche, Zölibat, Stellungnahme und Massnahmen zum Klimaschutz (Schöpfung bewahren) Zulassung zu den Sakramenten usw. Tragt diese Vorschläge nach Rom und sucht nach Möglichkeiten, die zur Lösung beitragen.
  3. GV Pfeffer spricht von einer „relativ entspannten finanziellen Lage“. Kein Wunder – haben die Kirchen auch noch nie so viel Kirchensteuer eingenommen wie im Jahre 2018. Investieren und sparen Sie mit Augenmaß! Machen sie nicht die Fehler, die der Staat gemacht hat. Investieren Sie auch in Gotteshäuser und helfen Sie mit, den Sanierungsstau zu beheben.
  4. Sehen Sie, liebe Bischöfe, das Schliessen von Gotteshäusern immer wirklich nur als Ultima Ratio an, wenn die dort lebende Gemeinde nicht mehr kann oder nicht mehr will. Jedes Gemeindeheim – jedes Altenheim – jedes Pfarrhaus und jede Kaplanei ist eine Immobilie – eine Kirche aber: Ist ein Gotteshaus!
  5. Wir müssen wieder stolz darauf sein, ein Christ zu sein, ohne das, was geschehen ist (Missbrauch …), zu verschleiern, zu leugnen oder zu verharmlosen. Gerade wir Christen müssen vorleben, wie man einander Respekt zollt und miteinander umgeht.
  6. Wir müssen die Gemeindemitglieder fragen, was sie vor Ort stört! Welche Probleme vor Ort sind! Das ist wichtig! Wir müssen wieder auf die Menschen zugehen und missionieren! Nicht erwarten, dass die Menschen auf uns zukommen! Zu sagen „Es kommt ja keiner und wir lassen ausfallen“, ist keine echte Alternative und inakzeptabel.
  7. Priester haben bei Ihrer Weihe versprochen, an jedem Tag eine heilige Messe zu feiern. Sie haben nicht versprochen an jedem Tag nur dann eine Messe zu feiern, wenn wenigsten 10 anwesend sind! Dazu sagt Jesus: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter Ihnen.

Was bleibt uns zu tun?

Liebe Leserinnen und Leser, gehen wir mutig in die Zukunft. Suchen wir das Gespräch und versuchen Lösungen zu finden, mit der möglichst viele, wenn nicht sogar alle, leben können. Wollen wir Versöhnen statt Spalten – mehr Demokratie wagen – ein gemeinsames, christliches Haus bauen, in dem jeder seinen Platz hat! Seien wir Helfer in der Not in der Nachfolge Christi…

Für mich gilt: Gelobt sei Jesus Christus!

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