Klare Worte aus Rom – Kritik

Das Schreiben der Kleruskongregation des Vatikans trägt den einschläfernden Titel „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“. Der darunter folgende Text hat in etwa die Lebendigkeit eines Telefonbuchs mit Fußnoten. Dennoch ist er für viele Katholiken eine Provokation, ja ein Skandal…

… schreibt etwa die Nordwest Zeitung in Oldenburg. Und dann weiter: Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, bescheinigt dem Papier eine „abenteuerliche Realitätsferne“. Viele weitere Fachleute vermuten, dass das Papier bald wieder in der Versenkung verschwinden wird.

In der Tat: selten haben Laien, Pfarrer, Bischöfe und Theologen ein Papier aus Rom so unisono verurteilt. Nur der Vorsitzende der Kongregation selbst, Kardinal Stella, sein emeritierter Kollege und Berater des Papstes, Walter Kasper, Erzbischof Woelki und der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt wagen es zaghaft, dem Dokument doch Positives abzugewinnen.

Und so ein Dokument wird von diesem Initiativkreis hier begrüßt?

Ja – unbedingt.

Zunächst einmal rangiert die Instruktion einer Kongregation „auf der Skala der Gewichtigkeit kirchlicher Dokumente ziemlich weit unten“, wie Paul M. Zulehner anzumerken weiß. Das Schreiben kann und will, wie Kardinal Stella betont, überhaupt nichts Neues verkünden. Aber es will – so sehen wir das – an das erinnern, was derzeit doch noch tatsächlich geltendes kirchliches Recht ist. Gut, dieses Recht mag seit 1983 nicht mehr auf dem neuesten Stand sein, als es zum letzten Mal novelliert worden ist. Aber das wäre doch endlich einmal ein drängender Appell, sich dieser Aufgabe doch zu unterziehen.

Wenn einem die Symptome nicht passen, sollte man nicht an ihnen herumdoktern und über sie jammern, sondern man sollte doch mal an die Wurzeln gehen.

Zum zweiten stärkt das Schreiben den Pfarreien und den Gläubigen den Rücken gegenüber ihren Bischöfen, die beileibe nicht nach vollem Gutdünken schalten und walten können.

Im Übrigen betont das Schreiben, dass Pfarreien und Bistümer bei allem Respekt vor wirtschaftlichen Dingen keine Wirtschaftsunternehmen sind und das Geld bei weitem nicht alle Maßnahmen rechtfertigt. Insofern liegt es ja voll auf der päpstlichen Line, der sich ja eine „arme“ und mutige Kirche wünscht und nicht eine, die Vermögen anhäuft und der die Zukunftssicherung über alles geht.

Verständnis

Ja – die Instruktion hat Schwächen. Frauen werden mit keinem Wort erwähnt, Laien kommen allenfalls als Berater eines gütigen Pfarrers vor, aber nicht als Entscheidungsträger, vorhandene Arbeit wird mit keinem Wort wertschätzend gewürdigt und so weiter. Man lese selbst die unten stehenden, in den meisten Fällen sehr scharfsichtigen und tiefen Kritiken.

Daher verstehen wir auch, weshalb Laienorganisationen wie WirSindKirche, der ZdK, die KfD, die Katholikenräte in den Bistümern sich so zu Wort melden, wie sie es tun. Auch wer als Pfarrer oder Bischof bereits gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Laien gemacht hat oder schon neue Projekte vor sich sieht, fühlt sich durch die Instruktion wohl nicht gerade ermuntert.

Egal – womöglich gibt es ja bald eine Überarbeitung. Bei der Vielzahl der zu berücksichtigenden Aspekte wird diese dann aber einen Buchumfang haben müssen.

Bis dahin – bleiben wir im Dialog.

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Die obige Sammlung und Systematik stammt von:

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)

DANKE!

Eine Antwort auf „Klare Worte aus Rom – Kritik“

  1. Die sogenannte “Instruktion” der Kongregation für den Klerus, datiert 29. Juni 2020, erfreut sich quantitativ bedeutender Stellungnahmen, meist ablehnend. Selten, dass im geradezu vorauseilenden Gehorsam vorbildlich lehrgetreu ein Bischof öffentlich sagt, letztlich müsse immer einer “den Hut aufhaben”, und das sei der Pfarrer. Es fanden sich auch sehr kluge Bemerkungen eines fortgeschrittenen Oberprimaners, der feststellte, dass Jesus zu Aposteln, folglich auch Priestern nur bestimmt hat, wer das “y-Chromosom” hat. Ja, das haben wir in der Untersekunda an einem Humanistischen Gymnasium in Biologie 1966/67 auch so gelernt. Der allwissende Jesus wird das gewusst haben.

    Man weiß nicht, ob die Kommentateure die Instruktion überhaupt (komplett) gelesen haben. Ich bemerke dazu:

    a) Im Bistum Essen erfreuen wir uns des als Landesrecht weiterhin geltenden Gesetzes über das Vermögen katholischer Kirchengemeinden von 1924. Da ist gesetzlich der Pfarrer Mitglied des Kirchenvorstandes, und zwar auch gleich Vorsitzender. Nun habe ich mich bis 1983 recht intensiv mit der Funktion eines (Aufsichtsrats-) “Vorsitzenden” befasst und seither gezieltes Interesse daran. Hierarchische Leitungs- oder Bestimmungsfunktion erwächst daraus nicht.

    b) Mag klarstellen, wer katholisch sein und bleiben will. Das II. Vatikanische Konzil hat es in Lumen gentium Nr. 19-22 klar und für ewig endgültig dargelegt, dass die Kirche hierarchisch strukturiert ist. Dies betrifft Eucharistiefeier, Lehre zu Glaubens- und Sittenfragen.

    c) Nahtstellen zu dem vorzugsweise Laien aufgetragenen Weltdienst ragen erkennbar in die Kirche hinein, die ja societas der nun einmal in der Welt lebenden Menschen ist. Ganz neu ist das nicht – unter Pius IX im 19. Jahrhundert amtierte als Ministerpräsident ein Laie, der Kardinal, aber nicht geweihter Priester oder Diakon war. Dieser krönte gar den Nachfolger Leo XIII. Die Benediktsregel – deren Auswertung jüngst im Heft den Stiepeler Zisterziensern beeindruckend gelungen ist – kennt als den, der “den Hut aufhat”, den Abt. Er kann sich einen Priester aus den Mönchen weihen lassen, quasi wie einen Hund “halten”. Die Instruktion lässt nicht einmal im gedanklichen Ansatz erkennen, was das für die auch in Pfarreien strukturierte Kirche besagen könnte. Ich verkenne nicht, dass Benedikt eine Gemeinschaft vor Augen hat, die mehr als “allgemeine Pfarrlaien” sich besonders zu einer Gemeinschaft verpflichtet haben. In Essen hatten – wie der Kreuzgang am Dom beeindruckend zeigt – über 900 Jahre lang Damen “den Hut auf”.

    d) Hutträgern sollte man nicht allzu viel aufbürden. Im ekklesialen Verwaltungstum ist es wie in Staat und großen Unternehmen: Wenn irgendetwas schief läuft, so soll die (gendergerecht!) “Person” an der Spitze alles zu verantworten haben. Um faktenorientiert konkret zu werden: Jüngst wurde mir berichtet und belegt ein Vorgang, bei dem ein Pfarrer – weil diese ja regelmäßig für die Pfarrei “zeichnen” – zu einer Spende in belegpflichtiger Höhe per Überweisung aus Februar 2019 eine mit schönem Siegel versehene Bescheinigung im Juli unterschrieb, ähem: im Juli 2020 mit Angabe des Spendedatums “Februar 2020”. Man sollte, auch in Rom, bedenken die Segnungen von Delegation, auch zu Zeichnungsbefugnissen und Verwaltung. Das erübrigt, “blind” zu unterschreiben.

    e) “Ohne Moos nix los.” Klar, einen Geldhahn kann man sperren. Und damit ungewünschte Aktivität torpedieren. Ist nach dem II. Vat. hierarchisch der Bischof mit seinem Pfarrer in der Hirtenseelsorge definitiv verantwortlich, so darf man das dafür Notwendige an Mitteln nicht anderer noch so “demokratischer” Entscheidung unterwerfen. Zu meiden ist freilich auch das Gehabe früherer Vereinsvorstände: “Geld hat da zu sein.” Nein – es ist immer knapp.

    f) Gerade bei der “Verkündigung des Evangeliums” hebt die Instruktion in Nr. 24 beeindruckend hervor, dass sie “durch Männer und Frauen” geschieht. Das kann nur bestätigen, wer etwa zu Stiepel selbst nach über 20 Jahren noch beeindruckt sich erinnert an Äbtissin Assumpta Schenkl oder aus jüngerer Zeit an Dr. Freifrau von Heereman. Hört man solche, so weiß man genau, was für Segen die Absenz von y-Chromosomen politisierender Bischöfe oder Generalvikare haben kann.

    g) Anscheinend wegen defizitärer Kompetenz der Kongregation oder der selbstgestellten Aufgabe offenbart sich das offensichtlichste gedankliche Loch in der Instruktion: Sie nimmt – konsequent und insoweit überzeugend – die herkömmliche Pfarrei als territoriale Gliederung in den Blick (bes. Nr. 45). Es wärmt ja das Herz des gesellschaftsrechtlich-unternehmensbezogen ausgebildeten und tätig gewesenen Juristen inniglich und unendlich, so schön feinziseliert in Nr. 48 die Varianten Inkorporation, “echte Fusion”, Aufhebung, “Teilung” zu lesen.

    Die wirklich anstehende Aufgabe hat die Kongregation übrigens selbst gesehen und genannt, Nr. 8 – 10, löst dazu aber nichts, sagt dazu nichts, schlägt dazu nichts vor. “Merkmale der gegenwärtigen Welt”, “Zunahme der Mobilität und der digitalen Kultur”, Veränderung des “Raumverständnisses” , Sprache und Kultur “besonders der jungen Generationen”, Denkweise zum “gesellschaftlichen Leben” , “problemlose Mobilität und Schnelligkeit der Kommunikation”. Wie ist das alles missionarisch zu bewältigen? Als sachkundige Berater empfehle ich der Kongregation viele junge Leute aus meiner Pfarrei St. Gertrud Wattenscheid, die sind ”ideenreich”. Ältere aber auch. Wir wollen ja nicht ausgrenzen.

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