Segnen oder nicht segnen

Die Kongregation für die Glaubenslehre in Rom meldet sich am 15. März 2021 mit einem Pauken­schlag. In einem Responsum genannten Dokument antwortet die Behörde auf die Anfrage: „Hat die Kirche die Vollmacht, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts zu segnen?

Die Antwort lautet kurz und bündig in einem Wort in sieben Sprachen: Nein.

Es ist nicht bekannt, wer und wann das genannte Dubium als Frage dem Gremium zur Beratung vorgelegt hat. Die von der Kongregation gegebene Begründung ist sehr klar und einfach formuliert und füllt gerade einmal drei Seiten samt Fußnoten, eine ausgesprochene Seltenheit bei römischen Dokumenten. Dem Papst wurde sein Inhalt während einer Audienz durch Präfekt Kardinal Ladaria bekannt gemacht und er stimmte seiner Veröffentlichung zu. Ob er sich dabei „überfahren“ gefühlt haben und „Bauchschmerzen“ bekommen haben mag, weiß niemand. Schließlich hatte er noch im Oktober 2020 mündlich und auf Spanisch geäußert, homosexuelle Menschen „haben das Recht, in einer Familie zu sein“, sie haben „das Recht auf eine Familie“. Damit sorgte er für Aufmerksamkeit innerhalb und außerhalb der katholischen Welt. Wie er denn das wohl gemeint hat? Kritiker konterten sofort, er könne sich doch nicht über Gott stellen. – Alles ist offen.

Was ist ein Dubium?

In der römischen Praxis kommt ein Dubium relativ häufig vor und wird als Mittel angesehen, die Willensbildung  in theologischen Grundsatzfragen voran zu treiben. Die Antwort, welche immer Responsum heißt, muss traditionell eindeutig Ja oder Nein lauten. Nur wenn die Kongregation, die ja im Auftrage des Papstes handelt, gar nicht antwortet, was auch vorkommt, wird dies als Aufforderung des Papstes verstanden, den allgemeinen Diskurs zu eröffnen.

„Dubium sapientiae initium“ (Zweifel ist der Anfang der Weisheit) ist eine Überzeugung des französischen Philosophen und Mathematikers René Descartes (1596-1650), der den Zweifel zum Grundstein einer Methode der Philosophie machte, die nach ihm der Cartesische Zweifel heißt. Er lebte, man beachte dies, in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), als Mitteleuropa im Chaos versank und Religion als Waffe im Kampf um die Macht missbraucht wurde (komisch: fast wie heute).

Wirklich weise Menschen wissen natürlich „Errando discitur“ (Aus Fehlern lernt man). Fehler sind gut. Wir können nicht lernen, ohne Fehler zu machen. Um zu lernen, müssen wir Fehler machen, und dann studieren wir den Fehler, damit wir denselben Fehler in Zukunft nicht wieder machen. Jeder Fehler ist ein Schritt auf dem langen Weg des Lernens. Dennoch haben wir Fehler zu einer Quelle von Scham und Angst gemacht. Anstatt Fehler anzunehmen, bestrafen wir sie, und weil Fehler bestraft werden, versuchen wir, Fehler zu vertuschen oder die Verantwortung für sie zu leugnen. Was für eine Katastrophe für das Lernen! Jedes Mal, wenn wir Fehler nicht korrigieren, geht eine Gelegenheit zum Lernen verloren. Also, wenn wir das nächste Mal einen Fehler machen, lächeln wir doch und sagen: „Errando discitur.

Ob man damit die Kongregation für die Glaubenslehre milder stimmt, ist offen. In der Tagespost vom 02. Juni 2021 steht übrigens: In Rom nachfragen kostet nichts.

In der vollständigen Liste der Dokumente der Kongregation sind auch alle Responsa enthalten; so viele sind es dann doch wieder nicht. Es lohnt sich, darin zu lesen!

Jetzt geht’s los

Ob der Zeitpunkt der Veröffentlichung von Rom gut oder katastrophal schlecht gewählt war, ist strittig. Der Papst hätte auch, wie angedeutet, schweigen können.  Eine gewaltige Welle von Aktionen, Bekundungen und Diskussionen setzt sich in Gang. Gegner und Befürworter suchen Verbündete unter den Kirchenrechtlern. Konservative und Progressive suchen sich gegenseitig zu exkommunizieren. Kerzen werden angezündet. Rosenkränze gebetet und bunte Fahnen aufgehängt. So gut wie alle Medien befassen sich damit. So gut wie alle katholischen Vereine und Verbände melden sich zu Wort.

Fast hat man den Eindruck, als seien alle anderen Themen – auch der Missbrauch – in den Hintergrund getreten. Wenn man böswillig wäre oder zu viele Polit-Thriller gelesen hat, könnte  man vielleicht sagen: genau das war auch die Absicht.

Nicht nur in Deutschland fällt die Reaktion so heftig aus, auch aus den europäischen Nachbarländern kommen viele Stimmen. Wie die Stimmung in der „Weltkirche“ ist, lässt sich hier in Deutschland zur Zeit schwer überblicken. Die Nachrichtenlage ist eher dürftig.

Nein zum Nein

Der Widerstand kristallisiert sich um den Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose. Bereits am 18.03.2021 hat er über 1000 Unterschriften gesammelt und eine weit beachtete bundesweite Aktion gestartet. Wer unterschreiben will, sendet eine E-Mail an mehrSegen@gmx.de. Er tut dies zusammen mit dem offen homosexuellen Pfarrer Bernd Mönkebüscher aus Hamm. Kirche+Leben verbreitet zum Beispiel den Wortlaut ihrer Erklärung. Am 27.03. zählen sie 2600 Unterschriften allein von pastoralen Mitarbeitern und Theologen und übergeben sie dem Synodalen Weg und der Deutschen Bischofs­konferenz. Sehen Sie ein Video (19 Minuten) von Mönkebüscher und Hose hier, worin sie ihre Aktion erläutern. Die Katholische Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim veranstaltet am 03.05.2021 eine Fachtagung über Segensfeiern mit ihnen und weiterer hochkarätiger Beteiligung. Hier der Link zu sämtlichen Videos.

Das Münsteraner Forum für Theologie und Kirche sammelt eine beeindruckend lange Liste von Meinungen auf dieser Seite.

Am 10. Mai gibt es deutschlandweit Segensgottesdienste hier:


Ja zum Nein

Die Liste der Münsteraner enthält nur wenige Unterstützer der römischen Note. Diese gibt es aber auch. Warum auch nicht? Jeder Mensch ist berufen und berechtigt, selber seinen Standort finden.

Einen sehr differenzierten Kommentar unter dem Titel „Trojanischer Segen“ der unabhängigen evangelischen Nachrichtenplatform idea.de finden Sie hier. Manche Diskutanten beziehen  sich auch auf Untersuchungen zum Wesen der katholischen Ehe und der Naturordnung wie auf diese (ältere) Betrachtung: Die Ehe ist kein „weltlich Ding“ des Paderborner Sozialethikers Prof. Peter Schallenberg.

Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller analysiert zunächst in einem Beitrag „Ist bischöflicher Ungehorsam gegenüber dem Papst ein Schisma?“ das Verhalten der Bischöfe auf katholisch.de. Ihm wird aber vom Roermonder Kirchenrechtler Prof. Gero P. Weishaupt in „Auch Glaubenskongregation handelt im Namen des Papstes“ massiv widersprochen, was wiederum der Bochumer Jurist Dr. Egon A. Peus hier auf dieser Platform mit „spitzer Feder“ aufgreift: Segnen: Darknet geschüllert.

Sehr differenziert und tiefgehend argumentiert auch der „Papsttreuerblog“ unter dem Titel Ein „Nein“ reicht genau so wenig wie ein einfaches „Ja“. Katholisch, konservativ und libertär wird darüber nachgedacht, wie Gottes „Schöpfungsordnung“ wohl aussieht und was er als „Sünde“ wertet.

Ruhige Diskussion – geht das?

Die Plattform feinschwarz.net greift das Thema mit der gewohnten Gründlichkeit und Qualität auf. Hier kann man sich mühelos „festlesen“.

„Begriffsklärungen sorgen nicht nur für Klarheit, sondern erweitern das Repertoire des Sprechens. Wenn Begriffe geklärt werden, merkt man, dass etwas viel umfassender ist, als man gemeint hat.“

„Zudem ist Vieles im Bereich Sexualität noch tabuisiert, so dass es nicht leicht fällt, darüber zu sprechen. Manchmal herrscht schlicht ein Durcheinander an Begriffen.“

Siehe: „Worte schaffen Orientierung“ und „Segnung“ .

Ausweg?

Es gibt auch die Haltung, dass nicht die kirchliche Billigung oder Nicht-Billigung von gleich­geschlecht­lichen Verbindungen das Problem sei. Diese „Lehraussage“ ist eben nicht änderbar. Das Problem sei vielmehr, was denn unter „Segnung“ zu verstehen sei. Wenn man da eine geeignete Verständigung findet, ist doch alles gelöst. Die ganze Debatte sei viel zu aufgeheizt und würde am Ende den Betroffenen mehr Schaden als Nutzen bringen. So zum Beispiel der genannte Prof. Schallenberg in einem Interview mit domradio.de, das er bereits 2015 führte, aber inhaltlich immer noch aktuell ist.

Okay – wenn das keine gute Diplomatie ist!

Was ist Sünde?

Für viele Menschen scheint erstaunlich klar zu sein, was denn Sünde ist und welche Schöpfungsordnung Gott denn  will. Aber ist das wirklich so klar?

Auf dieser Übersicht von statista.com finden wir eine Fülle von Tatsachen über Ansichten und Lebenswirklicheit von Menschen in Bezug auf Sexualität und Sexualverhalten in Partnerschaft und Gesellschaft. Wir müssen gar nicht jede einzelne Zahl bewerten. Es ist jedenfalls wohltuend zu sehen, wie unaufgeregt und sachlich man über dieses fast jeden Menschen betreffende und oft „aufwühlende“ Thema sprechen kann.

Ja – es kommt vor, dass ein Mann lieber mit einem anderen Mann sein Leben teilen will als mit einer Frau. Umgekehrt auch eine Frau mit einer anderen Frau. Ja – es kommt vor, dass beide Partner körperliche Lust suchen und erleben. Und ja – ein Kind kann bei der Vereinigung nur entstehen, wenn eben Frau und  Mann sich vereinigen. Wer wollte das leugnen? Und wer wollte leugnen, dass dabei auch Lust eine Rolle spielt? Ja – sowohl Männer als auch Frauen werden zeitweise so stark von ihrem Körper angetrieben, dass sie beinahe Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ihren Drang zu stillen.

Dieser kurze „Steilkurs“ Sexualkunde mag hier genügen.

Der Anteil von Menschen, welche sich selbst als homosexuell einordnen oder einordnen lassen, ist vermutlich  höher als viele denken. Schätzungen sind sehr unsicher,  gehen aber bis zu 15% der erwachsenen Bevölkerung. Ob das schon immer und in allen historischen Gesellschaften so war, wissen wir natürlich nicht, aber Homosexualität ist zum mindesten in der griechisch-römischen Antike gut belegt und ja auch biblisch bekannt.

Nun ist aber der Mensch (Homo Sapiens) entwick­lungs­geschicht­­lich etwa 2 Millionen Jahre alt. Hätte das Gott nicht Zeit genug gegeben, den Menschen zu ändern? Vererbbar ist diese Veranlagung aus naheliegenden Gründen ja nicht. Trotzdem entstehen  Generation für Generation immer wieder entsprechende Menschen. Welchen Grund könnte das haben? Wer also ist verantwortlich dafür,  dass es Homosexualität eben doch gibt? Der „Teufel“ etwa? Womit man früher gerne Kinder in Angst und Schrecken versetzt hat. Nein –  etwas theologisch anspruchs­voller darf es dann doch gerne sein.

Das Leben ist eben, was es ist.

Wer sagt, dass Gott das so nicht gewollt hat und es teilweise „verabscheut“, wie es in den biblischen Texten steht, muss irgend etwas ziemlich missverstanden haben.

Ursachen

Es liegt klar auf der Hand, warum die Bibel so einseitig ist. Die Israeliten waren bei ihrem Zug durch die Wüste Sinai eine kleine Truppe. Nicht Zehn- oder Hunderttausende sind durch das Rote Meer gezogen, wie es Monumentalfilme gerne hätten oder spätere von der Bibel angeführte Volkszählungen behaupten. Hier wurde  locker wie in der Antike üblich um Faktoren von 50 oder 100 übertrieben. Nein – mehr als ein bis zwei tausend können es nicht gewesen sein. Größere Gruppen hätten mit ihrem Vieh – trotz wundersamem  Manna – nicht überleben können. In einer solch kleinen Gesellschaft kommt es natürlich auf jedes Kind an, denn nur die wenigsten erreichten das Erwachsenenalter.  Wenn man beachtet, dass in Deutschland in gewissen Gegenden 8 bis 10 Kinder lange Zeit die Norm waren, von denen dann knapp zwei oder drei erwachsen wurden, wird klar, was das bedeutet.

Jeder zeugungsfähige Mann musste unbedingt mit einer oder mehreren gebärfähigen Frauen ein, zwei oder besser noch mehr Kinder bekommen, um das Überleben des Volkes zu sichern. Dabei kam es auf „Liebe“ und überhaupt auf Leben in trauter Zweisamkeit (Einehe) gar nicht so sehr an, denn das Aufziehen der Kinder war ohnehin eine gemeinsame Sache des Volkes. Noch  heute heißt es in einem afrikanischen Sprichwort: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.

Bestimmtes erwünschtes Sozialverhalten erzwingt man eben am effektivsten durch religiöse Gebote und angeblichen Willen Gottes.

Fazit

Wer genau den Willen Gottes ergründen möchte, sollte doch sehr vorsichtig mit seinen Aussagen sein.

Wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen wollen, sind Sie herzlich eingeladen, auf dieser Seite einen Kommentar zu schreiben.


MEHR LESEN

BR24: Vatikan: Homosexuelle Paare dürfen nicht gesegnet werden 15.03.2021

www.kath.ch: Mehr als 1000 Unterschriften für Segnung homosexueller Paare. 17.03.2021

Die Tagespost: Ein Segen, für den die Kirche keine Vollmacht hat. 17.03.2021

BR24: Segnung Homosexueller: Würzburger Pfarrer sammelt Unterschriften. 18.03.2021

BR24: Protestaktion gegen Vatikan: Priester segnen homosexuelle Paare 09.05.2021

BR24: Homo-Segnung: Widerspruch zur Schöpfung oder längst überfällig? 11.05.2021

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche: Vatikan Papier.

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