Glauben ist …

Jahrhundertelang wurde der Glaube wie ein Familienerbe weitergegeben. Das war nicht falsch und auch nicht schlecht und sogar sehr erfolgreich, wenn man es danach bewertet, dass wir heute immer noch davon zehren.

Jeder wurde einfach in eine Umgebung hineingeboren, in der sowieso schon jeder glaubte. Man übernahm einfach die Denkweisen und Gewohnheiten seiner engsten Familie und Nachbarn, und schon war der fertige katholische Christ da. Das war so einfach wie sich lebende Zellen durch Osmose mit Nährstoffen und Flüssigkeit aus der Umgebung versorgen. Keine Zelle weiß, wie diese da überhaupt hingelangt sind.

Glaube war selbstverständlich, und es war leicht, Gläubige zu identifizieren: sie waren getauft, gingen in die Kirche und empfingen die anderen Sakramente und respektierten ihren Pastor. Seelsorge war genauso einfach: immer wieder die Gleichnisse und Wunder erzählen, ab und zu mahnen und daran erinnern, was sich gehörte und vermeintlich Gottes Wille war.

Das erstrebte Schema war: eine schöne alte Kirche, darum ein nicht zu großes Dorf, neben der Kirche ein Pfarrhaus, in dem ein Pfarrer mit Haushälterin wohnte und täglich zu der einen oder anderen Messe in die Kirche rief. Der ab und zu in eigener Person Eintragungen in die Kirchenbücher machte. Dazu Glocken, eine Orgel, ein Küster, der auch die Orgel spielte und den kleinen Chor leitete. Das Leben der Gläubigen verlief von der Kirche behütet von Geburt an, von der Taufe über Erste Hl. Kommunion, Firmung, Eheschließung (manchmal Priesterweihe) bis hin zur letzten Ölung und Begräbnis. Das war ein guter Rhythmus. Er gab Halt und Zufriedenheit. Die Figur des Pfarrers hielt die Gemeinde zusammen und sie wurde irgendwann „Pfarrei“ genannt.  Der Pfarrer versammelt die Gläubigen, feiert für sie die Liturgie, unterweist sie in den zehn Geboten und wenn es hoch kommt im „Katechismus“ und wacht über die Einhaltung der Kirchengebote.

Aber wehe, wenn es zu Brüchen oder zu Zweifeln kam. Wenn junge Paare auch ohne Trauschein das Zusammenleben erproben wollten. Wenn ein Kind kam und der junge Vater sich seiner Verantwortung entzog. Wenn eine ledige Mutter allein gegen die Vorurteile der Umgebung leben musste. Wenn eine Ehe nicht mehr haltbar und nicht mehr fortführbar war. Wenn Arme, Schwache und Außenseiter zu sehr die Milde der Gemeinde strapazierten. Wenn Übereifrige alles Fremde und Andersartige ablehnten. War dann noch genug Raum?

Die gute alte Zeit ist eben leider nicht nur eine Erfolgsstory. Europäische Nationen, die dem Namen nach christlich waren, haben es ja unter den Augen des unfehlbaren Papsttums nicht geschafft, zwei verheerende Weltkriege zu verhindern. Führende Männer des Nationalsozialismus wurden im Katechismus unterrichtet und waren teils Messdiener. Was davon geht eigentlich „unter die Haut“?

Nach dem zweiten Weltkrieg stand die Kirche wider Erwarten hervorragend da. Moralisch war sie anscheinend ohne Makel über die Kriegsjahre gekommen. Die Not war vorbei und das Leben brach sich wieder Bahn. Eine Stimmung wie jedes Jahr im Frühling. Kein Wunder, dass die wenigen noch erhaltenen Kirchen nicht nur zu Ostern und Weihnachten übervoll waren und die zerstörten ganz rasch wieder aufgebaut werden konnten. Neue Kirchen wurden gegründet.

Mit wachsendem Abstand wich die Begeisterung einer nüchternen Betrachtung. „Wo bin ich?“ fragen sich Gläubige. So langsam kommen wir zu der Einsicht, dass der Glaube keine einfachen Antworten mehr kennt. Glauben kann man nicht mehr einfach irgendwo nur abholen oder sich ihn geben lassen. Glauben entsteht immer öfter im Gespräch miteinander: sagst du mir, wo deine Fragen und Zweifel sind, sag ich dir meine. Seelsorge besteht nicht mehr im Ausgeben von vorbereiteten Lösungen, sondern mehr im Zuhören und vor allem in Anhören von Fragen, auf die wir nicht einmal vorbereitet sind.

Was war und was ist Glaube? Was wird er sein?

Wenn Sie eine Perspektive beitragen wollen, Ihre persönliche Erfahrung und Sicht, dann schreiben Sie bitte einen Kommentar.

Weiter lesen:

Philippe Bacq: Für eine Erneuerung vom Ursprung her. Auf dem Weg zu einer „zeugenden Pastoral“. In: Reinhard Feiter / Hadwig Müller (Hg.): Frei geben. Pastoraltheologische Impulse aus Frankreich. Matthias Grünewald Verlag.

 

 

 

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