Die Religionen – alle – leiden an einer Krise ihrer Lehre und ihres Glaubens. Welchen Gott verkündigen sie eigentlich noch? Kann Gott damit einverstanden sein?
Es gibt Christen mit so einer engen Christlichkeit, dass ihre Nachfolge Jesu durchaus in Frage steht. Es gibt Atheisten mit einer überströmenden Menschlichkeit, die von Jesus bereitwillig unter die Jünger aufgenommen worden wären.
Der von vielen religiösen und nicht-religiösen Menschen respektierte Hans Küng hat schon 1978 in seinem Buch „Existiert Gott? Antwort auf die Gottesfrage der Neuzeit“ die Frage gestellt, wovon die aktuell gelehrte und verkündete Dogmatik geprägt ist und ob diese noch länger haltbar ist. Am Ende rief er nicht nur die kath. Kirche dazu auf, viele Teilstücke einer vom Mittelalter geprägten Dogmatik aufzugeben und nicht länger daran festzuhalten.
Die kath. Kirche solle dabei allerdings nicht so eine herablassenden Toleranz durchblicken lassen, sondern den Glauben der anderen ebenfalls als „vollendet“ anerkennen und nicht nur den eigenen. Abweichung vom Dogma ist nicht unbedingt Irrtum oder Ketzerei. Vielfalt ist kein Niedergang.
Wie sollte man „katholisch“ in der heutigen Zeit übersetzen? Traditionell hieß es seit den Anfängen „allumfassend“. Angesichts mehrerer konkurrierender Organisationen, die sich alle mit diesem Adjektiv beschreiben, müsste man es heute wohl eher mit „weltoffen“ übersetzen.
Die Kirchen bauen oft die falschen Alternativen auf. Der eigene Gott ist durchaus nicht „tot“ oder „zürnt“ nicht, weil ein Andersgläubiger Trost und Mut aus seinem etwas anderen Glauben zieht. Keine Kirche hat ein Monopol darauf, ihre Lehre sei die wahre Offenbarung Gottes. Es ist durchaus nicht gottlos, wenn die von Gott geoffenbarte Wahrheit Gegenstand von Verhandlungen wird. Einem Volk, welches kulturell noch auf einer viel früheren Stufe steht, könnte sich Gott durchaus ganz anders offenbaren als anderen, vermeintlich „auserwählten“ Völkern. Es mag in Zeiten der Not durchaus sinnvoll sein, sich als auserwähltees Volk des eigenen Gottes zu betrachten, damit man eng zusammen rückt. Aber wie will man diesen Anspruch auf Dauer rechtfertigen?
Wer „von Menschen erdachte Änderungen“ ablehnt, macht Gott handlungsunfähig.
Die Politik des russischen Präsidenten Putin zerrüttet die wirtschaftliche, soziale und moralische Struktur seines Landes. Er raubt der russischen orthodoxen Kirche ihre Aura als Hoffnungsträger und stürzt die übrigen orthodoxen Kirchen in Existenzfragen. Alle sich katholisch nennenden Kirchen müssten sich auch damit auseinander setzen.